Logo der Universität Wien

6. Graduiertenkonferenz der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft

Am 26. und 27. November 2015 fand die 6. Graduiertenkonferenz der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft statt. Das Thema lautete: "'Raumirritationen' – Warum nach dem Raum fragen?"

Konferenzprogramm

Call for Papers

Einladung Science Slam

6. Graduiertenkonferenz der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Wien – Konferenzprotokoll

Die Tagung wurde mit einem Workshop eröffnet, der dem Kennenlernen der TeilnehmerInnen sowie ersten Auseinandersetzungen zum Thema „Raumirritationen – Warum nach dem Raum fragen?“ gewidmet war. In kleineren Gruppen wurde schließlich der Umgang mit den vielfältigen theoretischen Ansätzen innerhalb der Dissertation besprochen. Dabei wurde danach gefragt, wie die Annäherung an das jeweilige Thema zustande kam; durch die Vertiefung über einen literarischen Text, oder die Auseinandersetzung mit einer bestimmten Theorie, die in Zusammenhang mit Literatur anschaulich gemacht wird. So ergab sich ein Austausch darüber, ob in den jeweiligen Arbeiten zuerst der theoretische Zugang zum Raum feststand und danach das literarische Korpus ausgewählt wurde, oder ob umgekehrt die Auseinandersetzung mit einem bestimmten literarischen Text zu der Anwendung einer bestimmen Raumtheorie führte. Ein weiteres Thema, das einige TeilnehmerInnen verband war die Verschränkung von Intertextualität oder Intermedialität und Raum.

Christine Ivanovic, die die ersten zwei Panels leitete, eröffnete die Konferenz mit Betonung auf dem „Warum“ des Tagungstitels „Raummirritationen – Warum nach dem Raum fragen?“. „Es ist sehr wichtig diese Frage zu stellen“, sagte Ivanovic, denn Raum und Zeit sind zwar beide bestimmende Kategorien für unsere Wahrnehmung, sie seien aber nicht austauschbar und können getrennt voneinander theoretisiert werden. „Es ist interessant zu beobachten, wann Zeit- und wann Raumfragen in der Wissenschaft dominant werden“, sagte Ivanovic und wies darauf hin, dass in dem Nachdenken über Raum auch immer die Reflektion über Herrschaftsverhältnisse einfließen muss. Das gegenwärtige Interesse am Raum habe insofern durchaus mit der politischen Umbruchsituation zu tun, in der wir uns befänden. „Es ist durchaus nicht ungefährlich was wir tun, denn in dem Moment, wo wir einen Text verfassen, schreiben wir uns in Räume ein und grenzen andere aus.“ Ivanovic lud die anwesenden LiteraturwissenschaftlerInnen also nachdrücklich ein, diese politische Dimension ihres Arbeitens über Raumfragen nicht außer Acht zu lassen.

Das erste Panel, in dem es um Bewegung im Raum ging, eröffnete Mirjam Berg, Doktorandin an der University of Chicago. Sie sprach über die Prozesshaftigkeit von Orientierung im realen, sowie im literarischen Raum und zeigte auf, dass dieser Prozess eine eigene Schreibweise erzeugen kann. Sie bezieht sich in ihrer Dissertation dazu auf Tagebuchromane der literarischen Moderne. In ihrem Vortrag führte sie Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen parallel und machte Motive der Versicherung und Verunsicherung der sich hier orientierenden Figuren sichtbar. In beiden Fällen wird die Trennung der Räume in Innen- und Außenraum auf Glatteis geführt, weshalb Berg, um die Dynamik des Orientierungsprozesses zu betonen, auf die Figur des Möbius-Bandes verwies, die dieses Wechselspiel versinnbildlichen könne.

Bernhard Landkammer beleuchtete unter dem Titel „Spazierte Narration“ die Novelle Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher und zeigte, wie dieser postmoderne Theorie und Raum auf narrativer Ebene miteinander verknüpft. Landkammer, der in Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert, interessierte sich für die Rahmenhandlung des Romans, ein Spaziergang im Garten einer Nervenheilanstalt. Das Geschichtenerzählen ist für die Protagonisten eine Flucht aus dem eingezäunten Areal. Andererseits werde auch hier ein klar definiertes Außen als Konstruktion entlarvt und der Ursprung der Erzählung werde fragwürdig. Die 2013 erschiene Novelle, der die Erzählenden in Bewegung hält, aber doch im Kreis schickt, portraitiert, so Landkammer, den großen Zitatraum der Postmoderne, dessen Außerhalb es nicht gibt.

Lukas Schmutzer, der fächerübergreifend in Philosophie und Germanistik an der Universität Wien seine Doktorarbeit schreibt, sprach über das Werk der österreichischen Autorin Marianne Fritz, im Speziellen über ihren Text Dessen Sprache du nicht verstehst. Schmutzer beleuchtete, wie im Roman der Raum auf singuläre Weise durchschritten und verschränkt wird. Auch hier ist ein eingegrenztes, abgeschottetes Terrain, Spielort der Handlung: Die Figuren treffen sich in dem Garten eines Priesterseminares, dessen Architektur die rigide Ordnung der Einrichtung wiederspiegelt. Die eigentlich Handelnden seien bei Fritz aber nicht die Figuren, sondern die Worte selbst – es handelt sich um eine spezielle Form von Sprechakten. Schmutzer erforscht, „in welchen Raum dieser eigentümliche Sprachmodus möglich wird“.

Das zweite Panel beschäftigte sich mit dem Raum der Stadt. David Österle untersucht die Raumkonstellationen in der Literatur der Wiener Moderne und macht dabei bestimmte „Gegenräume“ aus, die alternative, utopische aber auch Fluchträume sein können. Österle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie in Wien und schreibt seine Dissertation in Vergleichender Literaturwissenschaft über Hugo von Hofmannsthal. Die kurze Erzählung Das Dorf im Gebirge von Hofmannsthal diente ihm für seinen Vortrag als Beispiel, um die räumlichen Ordnungssysteme des Autors zu thematisieren. Am Phänomen der Sommerfrische in den Bergen zeigte er, dass verschiedene Räume (hier etwa der städtische und der rurale) nicht einfach gegenübergestellt, sondern komplex ineinander verlagert werden.

Eine von Marlene Frenzels Forschungsfrage lautet „Welche geographischen Fragestellungen können an literarische Stadttexte gestellt werden?“. Mit einem Bachelor in Geographie und einem Master of Arts in Germanistik, bearbeitet sie diese im Rahmen ihrer Promotion an der Universität Potsdam über Berlin in der Erzählliteratur der Weimarer Republik. Sie lotet in ihrer Arbeit die „heikle Schnittstelle zwischen geographischen und literarischen Raum“ aus. Unter Bezugnahme auf die Theorien von etwa Michail Bachtin, Barbara Piatti und Betrand Westphal, überträgt sie sozial- bzw. humangeographische Fragestellungen auf Literatur und Stadt.

Den zweiten Konferenztag eröffnete Laura M. Reiling im Panel „Literarische Ortskunde“, das von Ulrike Koch moderiert wurde. Reiling schreibt an der Universität Münster ihre Dissertation über die literarische Darstellung der Räume der Academia. Anhand von der Analyse einiger Universitätsromane der Gegenwart, untersucht sie das Verhältnis zwischen Wissens- und Raumpraktiken, wie es in der fiktionalen Verhandlung des Ortes Universität auftaucht. Eine der Fragen, die ihre Doktorarbeit beantworten soll ist: Eröffnet der Universitätsroman die Möglichkeit die Universität als „unbedingt“ (im Sinne von Jacques Derrida) zu begreifen? „Kann hier eine Wiederverzauberung der Academia stattfinden?“

Die nächste literarische Ortsanalyse nahm Claudia Oberrauch in Angriff, die über das Spukhaus in der Literatur des 19. Jahrhunderts sprach. Die Germanistin, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert, zeigte an der Erzählung Das Majorat von E.T.A. Hoffmann, dass das literarische Motiv des Spukhauses eine gesellschaftliche Wandlung thematisieren kann: „Es ist das Reflexionsmedium einer Umbruchsphase.“ Das Spukhaus sei architektonisch ausgedrückte „Liminalität“, ein Grenzort, an dem Schwellenwesen auftreten. Oftmals stellt es die Schwelle zu einem neuen Gesellschaftszustand dar. Bei Das Majorat zerfällt die feudale Ordnung und macht dem Bürgertum Platz - auf der Ruine des Schlosses, wird ein Leuchtturm gebaut.

Kathrin Geist widmet sich in ihrer Dissertation an der Uni Bamberg dem Raum der Alpen in der deutschsprachigen Literatur. Vor dem Hintergrund, dass „jeder Text seinen eigenen Raum, mit einer eigenen Bedeutung, baut“, untersucht sie das „Erschreiben der Berge“ (Johann Georg Lughofer) und die zeit-typischen Vorstellungen, an die es geknüpft ist. In ihrem Vortrag sprach sie exemplarisch über das Gedicht Die Alpen von Albrecht von Haller und wie der fiktionale Texte und sein „mentales Konzept“ des Alpenraumes auf den realen Raum zurückwirkt, wenn etwa mithilfe des Gedichtes als „Routenplaner“ die Schweiz bereist wird. Den Raum der Alpen als
literarisch gemacht zu betrachten, führt dabei über die motivgeschichtliche Darstellung hinaus und gibt Aufschluss über zeittypische, kulturelle Phänomene, wie etwa Bergtourismus im Alpenraum.

Das vierte Panel der Tagung widmete sich den „Grenzen des Raumes“ und wurde von Julia Grillmayr moderiert. Ina Hartmann beschäftigt sich mit intertextuellen Räumen in der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Slavistin und Germanistin schreibt ihre Disseration an der Universität Hamburg über Richard Weiner, Věra Linhartová, Bohumil Hrabal und Jáchym Topol. Mit Rückgriff auf Raumtheorien, sowie Konzepten der Intertextualität, interessiert sie sich dafür, wie sich literarische Texte in ihrer Beschreibung eines bestimmten Raumes auf eine andere literarische Raumdarstellung beziehen. In ihrem Vortrag verglich sie das Portrait der Stadt „Perla“ in Topols Die Schwester mit Alfred Kubins fiktiver Stadt „Perle“ in Die andere Seite.

Die Slawistin Anja Jahn schreibt ihre Masterarbeit in dem Programm „Kulturen Mittel- und Osteuropas“ an der Humboldt-Uni zu Berlin. Sie sprach unter dem Titel „Menschheitsplagen in vergessenen Landkreisen“ über die Lyrik von dem polnischen Autor Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis. Innerhalb einer textimmanenten Bearbeitung, zeigte sie auf, dass in seinen Gedichten, zwischen der Subjektkonstitution der Figuren und der Konstruktion der Räume eine Wechselwirkung besteht. Es sei die Peripherie, die in dieser „topografischen Lyrik“ die Schnittstelle von Subjekt- und Raumkonstruktionen bildet. Jahn zeigte, wie darin Orte des Alltags, etwa Schulen, Kirchen, Friedhöfe, oder Wirtshäuser als Heterotopien konstruiert werden.

Gerlinde Steininger, die in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universität Wien promoviert, sprach über den von ihr erforschten „transnationalen Roman“. Sie definiert damit einen Romantypus, in dem die Überschreitung und kritische Befragung von Grenzen der Sesshaftigkeitsnorm eine zentrale Rolle einnehmen. Ihren Vortrag eröffnete Steininger mit der Erläuterung des neuen Mobilitätsparadigmas der Sozialwissenschaften, das den größeren Kontext ihres Projektes bildet. Als „Grenzforscherin“ interessiert sie sich für territoriale wie symbolische und imaginäre Grenzen, die sie im transnationalen Roman ausgehend von Jurij Lotmans Erzähltheorie – ergänzt mit seinem Semiosphäre-Konzept sowie mit dekonstruktivistischen und postkolonialen Ansätzen – untersuchen wird.

Sylvia G. Hundenborn eröffnete mit ihrem Vortrag über „Raumfigurationen des Zwischen-Seins“ das insgesamt fünfte Panel, das den Titel „Emotionale Raumwahrnehmung“ trug und von Daniel Syrovy moderiert wurde. Hundenborn schreibt ihre Dissertation „Poetologie der Melancholie“ an der Universität zu Köln und sprach bei der Tagung über Melancholie als Raumzeit-Einheit bei Thomas Mann. Mit Bezugnahme auf Michail Bachtins Chronotopos, zeigte sie, wie die Melancholie im Zauberberg Raum und Zeit modelliert – sie tritt als gesteigerte Wahrnehmungsform auf, aber auch als Phänomen, das die Zeit in die Länge streckt und dadurch erfahrbarer macht.

Laura Gemsemer promoviert im Rahmen des Programms „Ancient Languages and Texts“ an
der Berlin Graduate School of Ancient Studies und ist Mitglied der Topoi-Forschergruppe “Space and Metaphor”. Sie sprach unter dem Titel „Visio Amoris et Veneris – T(r)opische Imaginationen der Liebe im italienischen Spätmittelalter“ über die Figuren Amor und Venus, in welcher Form diese auftreten und sich verändern und inwiefern sie zu trennen sind. Bei ihrer Analyse (von v.a. Giovanni Boccaccio) geht es ihr darum, zu zeigen, dass Liebe in dieser Literatur vorwiegend räumlich gedacht ist; der (Liebes-)Raum ist nicht einfach da, er wird geschrieben, entsteht im Narrativierungsprozess. Welches sind die Raum und Räumlichkeit erzeugenden Sprechweisen?

Das sechste Panel, das Gianna Zocco leitete, trug den Titel „Der Zwischenraum. Literatur und anderer Künste“. Ming Ge, Germanistikdoktorandin an der Freien Uni Berlin, arbeitet über die Raumproblematik im Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke. Besonderes Augenmerk legt sie dabei darauf, wie das aufkommende Medium Film und damit einhergehende Montage- und Collage-Techniken, die literarische Gestaltung des Raumes beeinflusste. So sei etwa sehr deutlich erkennbar, dass eine „bildliche Simultanität“ imitiert wird. Ihren Vortrag widmete sie aber vor allem dem in Rilkes Tagebuchroman wiederkehrenden Motiv der Bildenden Kunst.

Luisa Drews promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin „Ästhetiken und Politiken der Blindheit im Rundfunk (1920er-1960er)“ mit besonderem Fokus auf der Interdependenz von Hörspiel und Kriegsblindheit in den 1950er Jahren. In ihrem Vortrag sprach sie über den Raum und den Körper in frühen deutschsprachigen Hörspieltheorien. Sie stellte dabei vor allem die Theorien von Rudolf Arnheim und Richard Kolb gegenüber. Im deutschsprachigen Diskurs  gehe es weniger um die Frage, „ob es Raum und Körper unter den medialen Bedingungen der monophonen Radiophonie gibt“, als vielmehr um die Möglichkeiten, „Räumlichkeit im Radio und Hörspiel zu produzieren“.  Drews zeigte auf, dass Körper und Raum in Arnheims und Kolbs Hörspieltheoretisierungen, die verschiedenen Machtsystemen angehören, oftmals zusammenfallen. Sie interessiert sich im Speziellen für das Spannungsfeld zwischen Hörspielen, die den Raum an visuelle Kategorien binden und solchen, die dem „Ohr des Rezipienten“ mehr abverlangen wollen und versuchen, den Raum und den Körper hörbar zu machen.

Den letzten Vortrag der Tagung bestritt Julia Nantke, die an der Bergischen Universität Wuppertal über Kurt Schwitters promoviert. Das Werk des exzentrischen deutschen Avantgarde-Künstlers wirft Raumfragen auf unterschiedlichen Ebenen auf. Nantke betonte den „transgressiven Charakter“ seiner Kunst bezüglich Materialien, aber auch Gattungen und Kunstformen, dem mit traditionellen kunst- und literaturwissenschaftlichen Kategorien nur schwer beizukommen ist. Sie will daher „kunstformenübergreifende Strukturen herauszuarbeiten“, mit deren Hilfe eine Betrachtung des Gesamtwerk von Schwitters möglich wird. Schwitters gab seiner Kunst den Namen „Merz“ und, so zeigte Nantke, eröffnete durch die Aneignung dieses „noch nicht besetzten Signifikanten“ einen Spielraum für sein Schaffen. Dieser Raum ist eine Collage an Text – die seine eigene Literatur sein kann, aber auch Fragmente von alltäglichen Gebrauchstexten – Papiermaché, Holz, Metall und anderen Materialien. So werde der Code, auf den wir uns berufen, wenn wir Medien aller Art oder Kunst rezipieren, immer schon mitreflektiert. Der literarische Text werde gleichzeitig zu einer hypertextuellen Struktur, die nur in ihrer Dreidimensionalität adäquat fassbar wird.

Julia Grillmayr und Andrea Kreuter für die Abteilung für Komparatistik der Universität Wien

Institut für Europäische und Vergleichende
Sprach- und Literaturwissenschaft
Abteilung für Vergleichende
Literaturwissenschaft
Universität Wien
Sensengasse 3a
A-1090 Wien
T: +43-1-4277-430 71
F: +43-1-4277-430 89
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0