Ein Nachbericht der Studierenden Pauline Saller:
Zum Abschluss des Proseminars „Herkunft erzählen“ waren wir am Montag, 2. Februar, mit unserer Lehrveranstaltungsleiterin Anna Hell in der Alten Schmiede. Vor Beginn der öffentlichen Lesung von Nava Ebrahimi sprachen wir dort exklusiv mit ihr über ihre Arbeit als Journalistin und Autorin sowie die Recherche zu ihrem jüngsten Roman.
Und Federn überall, 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert, spielt im fiktiven Ort Lasseren. Dort findet sich abgesehen von viel Natur der Geflügelbetrieb Möllring, in dem pro Tag etwa 600.000 Hühner geschlachtet werden. Einige davon leiden am „Wooden Breast Syndrome“, einer Erkrankung, bei der sich Muskelfasern so verhärten, dass das Brustfleisch „verholzt“.
Ebrahimi machte deutlich, dass sie „keinen aktivistischen Roman gegen die Fleischindustrie“ schreiben wollte. Stattdessen interessierten sie vielmehr die Metaphorik dahinter und die Frage, wie gesellschaftliche Verhärtung als Reaktion auf Leid entsteht. Hinzu kam eine Faszination dafür, wie gut wir kognitive Dissonanzen bei uns selbst aushalten und zugleich anderen gegenüber wenig Ambiguitätstoleranz haben, etwa beim Thema Fleischkonsum oder Flucht.
Wer darf einen Ort sein Eigen nennen?
Zur Ortswahl sagte Nava Ebrahimi augenzwinkernd, sie mochte die Idee, über eine vermeintlich „langweilige“ Gegend zu schreiben. Das sei zugleich eine intertextuelle Anspielung auf die deutsche Übersetzung von Becketts Warten auf Godot: „Und wir gehen ins Emsland.“ […] „Ich wollte schon immer durchs Emsland wandern.“
Das Vorbild für Lasseren ist Haren an der Ems, dessen Bewohner*innen 1945 evakuiert wurden, um polnische Displaced Persons (ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangene) unterzubringen. Die daraus resultierende „Opfer-Täter-Verschiebung im kollektiven Gedächtnis von Haren“ und die Frage „Wer darf einen Ort sein Eigen nennen?“ beschäftigten die Autorin nachhaltig.
Über die Recherche zu der polnischen Enklave Maczków stieß sie auf das ehemalige Straf- und später Kriegsgefangenenlager VI Oberlangen. Besonders blieb ihr ein Gespräch mit einer Zeitzeugin zur Befreiung in Erinnerung: Die Frauen nutzten Kopfkissenbezüge als Flaggen zur Begrüßung der heimischen Soldaten der 1. Polnischen Panzerdivision – „deshalb flogen tagelang die Federn herum, in den Baracken, auf dem Hof, Federn überall“ (Ebrahimi 2025: 279). Früh stand für sie fest, dass diese Szene im Roman auftauchen und das offene Ende ebenso „ein utopisches Moment“ haben soll. Generell gehe es ihr darum, Verbindungen sichtbar zu machen, „die vielleicht noch niemand gezogen hat“.
Die Autorin spielt mit Widersprüchen und entwickelt bewusst Figuren mit Brüchen. Für sie gilt: „Je mehr man an jemanden herankommt, desto differenzierter wird das Bild.“ Obwohl alle sechs Protagonist*innen unterschiedliche Herkünfte und Erfahrungen haben, seien es „am Ende alles Individuen mit menschlichen Bedürfnissen“.
Literaturprogramm der Alten Schmiede: Johanna Öttl gibt Einblicke in ihre Arbeit
Nach dem Gespräch gab uns Johanna Öttl, Kuratorin des Literaturprogramms der Alten Schmiede, Einblicke in die Geschichte des Hauses, die Finanzierung der kostenlosen Kulturveranstaltungen und ihren Arbeitsalltag. Bei der hohen Programmdichte bleibe ihr für privates Lesen kaum Zeit, erzählte Öttl. Oft sei es ihr nicht einmal möglich, alle Texte im Programm vollständig zu lesen. Umso mehr freue sie sich bei von ihr moderierten Veranstaltungen über intensivere Vorbereitung und mehrfache Lektüre. Die Moderation der Lesung mit Nava Ebrahimi übernahm an diesem Abend die Schriftstellerin Angelika Reitzer. (Pauline Saller/Anna Hell)
