Besuch des Volkstheaters mit Studierenden

09.02.2026

Im Jänner ging es für eine Gruppe Studierender mit Lehrender Marion Wittfeld ins Volkstheater. Auf dem Spielplan: ÖDIPUS TYRANN.

Im Kontext des Konversatoriums „Menstruation als Tabu(bruch) in Literatur und Popkultur“ besuchte eine interessierte Gruppe von Masterstudierenden der Vergleichenden Literaturwissenschaft gemeinsam mit der Lehrveranstaltungsleiterin Marion Wittfeld am 16. Jänner die Aufführung „ÖDIPUS TYRANN“ (zum Trailer) im Volkstheater.

Die Studierende Magdalena Naue hat für uns ihre Eindrücke von dem Abend festgehalten: 

Der Ödipus-Stoff ist bekannt, nicht zuletzt, weil er einem zentralen Begriff der Psychologie seinen Namen gegeben hat. Die Unvermeidbarkeit des Geschehens ist damit von Beginn an eingeschrieben. In der reduzierten Inszenierung von Nicolas Stemann steht jedoch weniger das individuelle Schicksal des Ödipus im Vordergrund als vielmehr die Frage nach Schuld und Strafe selbst.

In einer Gegenwart, in der politisch und moralisch fragwürdige Männer die Tagesnachrichten bestimmen, tritt die Aktualität des Stoffes deutlich hervor. Wie für König Ödipus spielt auch für sie Wahrheit keine Rolle mehr; es gilt nur, einen Schuldigen zu finden.

Ödipus verkündet vor dem versammelten Volk, den Mörder des früheren Königs Laios mit aller Härte bestrafen zu wollen, und ruft sogar die Götter an, dem Schuldigen keine Gnade zu gewähren – unwissend, dass er selbst schuldig ist. Als der Seher Teiresias ihm dies offenbart, bezichtigt Ödipus ihn der Lüge und droht mit Hinrichtung. Auch Kreon, der zur Suche nach dem Täter geraten hat, misstraut er und will ihn exekutieren. Nur Iokaste, seine Frau (und unglücklicherweise zugleich seine Mutter), kann ihn davon abhalten, doch das tragische Schicksal hat bereits längst seinen Lauf genommen.

Was dem mit der griechischen Mythologie vertrauten Publikum bekannt ist, entfaltet sich für das Königspaar nur langsam und gegen heftigen Widerstand: Die Wahrheit von Vatermord und Inzest wird verdrängt, bis sie sich nicht mehr leugnen lässt. Während Ödipus schließlich einem Zeugen Glauben schenkt und seine eigene Schuld einsieht, verweigern die Täter der Gegenwart diese Einsicht häufig.

Erzählt wird die Handlung aus dem Rückblick von Ödipus’ Töchtern Ismene und Antigone (die es ebenfalls später zu fragwürdigem Ruhm brachte). Diese Perspektive verschiebt den Fokus auf die Auswirkungen der Tat auf die Nachkommenden und unfreiwillig Betroffenen, besonders auf die weiblichen. Ihre Mutter (und gleichzeitig Großmutter) nimmt sich das Leben, ihr Vater (und gleichzeitig Halbbruder) sticht sich, angelehnt an alte Gesetze, die Augen aus. Die Töchter bleiben zurück: vor den Trümmern einer Schuld, die nicht die ihre ist.

Am Ende treten Patrycia Ziółkowska und Alicia Aumüller erneut als Erzählerinnen hervor, nachdem sie zuvor sämtliche Rollen übernommen haben. Auch das Publikum wird in die Schuldfrage einbezogen, wenn die Schauspielerinnen manchmal stärker mit ihm interagieren, als es ihm lieb ist. Die Leistung der Schauspielerinnen zeigt sich zudem darin, dass man in einer so schlichten Produktion keine Längen empfindet und die Spannung trotz bekannter Geschichte erhalten bleibt.

Ohne explizite Aktualisierungen ermöglicht die Aufführung, gegenwärtige Machtstrukturen in der sophokleischen Tragödie wiederzuerkennen – und sich in einer Welt voll (vorwiegend männlicher) Tyrannen wiederzufinden, die vor fast 2500 Jahren scheinbar ebenso existierten wie heute. (Magdalena Naue /mw)

Gruppenfoto zum Abschluss des schönen Theaterabends. Foto: Marcel Seiler

Vor minimalistischer Kulisse verkörperten Patrycia Ziołkówska (links) und Alicia Aumüller sämtliche Rollen des Stücks mit beeindruckender Ausdruckskraft. Foto: Marcella Ruiz-Cruz

Die beiden Darstellerinnen wurden 2022 für ihr gemeinsames Spiel in ÖDIPUS TYRANN mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet, einem Theaterpreis für herausragende schauspielerische Leistungen. Foto: Marcella Ruiz-Cruz