Ein Nachbericht von Medi Gielow und Julius Günther
Wir haben im Rahmen des Proseminars „Zwischen Fakt und Fiktion: Die Shoah erzählen“ (Anna Hell) am Freitag, 5. Juni 2026, die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers (KZ) Mauthausen besucht. Die Exkursion begann mit einem Rundgang. Christian Angerer und Daniel Tscholl vom pädagogischen Team der Gedenkstätte haben uns in zwei Gruppen über das Areal geführt und anhand von Fotografien, Zeichnungen und Zeitzeug*innenberichten die Geschichte des ehemaligen KZs aus der Perspektive von Opfern und Überlebenden vermittelt.
Der Rundgang war in unseren Augen sehr bedacht gestaltet, besonders durch den Verzicht auf den Versuch, die Tötungseinrichtungen, insbesondere die Gaskammer, und die Krematorien anhand der Täterperspektive zu kontextualisieren. Stattdessen haben wir alle schweigend die heute als Gedenkbereiche für die Toten dienenden Kellerräume und den „Raum der Namen“ betreten.
Sehr geschätzt haben wir den Einbezug unserer individuellen Fragen und Interessen während des Rundgangs. So haben wir zum Beispiel mehr über das Schicksal von Frauen erfahren: Weibliche Häftlinge kamen größtenteils mit der Errichtung des „Lagerbordells“ für sogenannte Funktionshäftlinge als Sex-Zwangsarbeiterinnen aus dem Frauen-KZ Ravensbrück nach Mauthausen.
Ein weiterer Fokus lag auf der Einbindung des KZs in das unmittelbare gesellschaftliche Umfeld. Ein Beispiel dafür waren die regelmäßig auf dem Sportplatz neben dem Sanitätslager, vor den Außenmauern des Häftlingslagers, ausgetragenen Fußballspiele der SS-Mannschaft, die in der lokalen Liga gespielt hat.
Nach dem Rundgang haben wir im Workshop gemeinsam einen Textauszug von Bernard Aldebert über „Die Ankunft in Mauthausen“ aus Chemin de croix en 50 stations besprochen und in Kleingruppen anhand von Leitfragen weitere Texte von Ladislaus Szücs, Heimrad Bäcker, Franz Innerhofer, Stella Rotenberg und Julian Schutting diskutiert. Im Seminar hatten wir zur Vorbereitung Auszüge aus „Aber wir haben nur Worte, Worte, Worte.“ Der Nachhall von Mauthausen in der Literatur (2007) gelesen. Christian Angerer, der diese Anthologie mitherausgegeben hat, war außerdem Ende Mai für einen Gastvortrag über Holocaust-Literatur im Seminar und hat darin über die Dialektik aus ästhetischer Nähe und Distanz gesprochen.
Für uns war die Exkursion als Teil des Seminars eine sehr bewegende Erfahrung. Insbesondere der extreme Kontrast erschütterte uns zutiefst: Einerseits der SS-Sportplatz und das offiziell als „Löschteich“ bezeichnete Betonbecken vor dem Garagentor des Häftlingslagers, das mutmaßlich von der SS als Schwimmbecken genutzt wurde; andererseits die Eindrücke der „Todesstiege“ im Steinbruch, Bilder der Befreiung und Zeugnisse von Überlebenden. Zu erfahren, dass Freizeit und öffentliche Veranstaltungen zeit- und ortsgleich mit Morden und Verbrechen im KZ stattgefunden haben, lässt uns nur im Ansatz den Horror dieser Gräueltaten spüren.
Über das KZ Mauthausen
In dem unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs geplanten KZ Mauthausen und den späteren Außenlagern waren ab August 1938 bis zur Befreiung durch die US-Armee am 5. Mai 1945 insgesamt etwa 190.000 Gefangene inhaftiert, von denen mindestens 90.000 zu Tode kamen. Am 20. Juni 1947 wurde das ehemalige KZ offiziell von der sowjetischen Besatzungsmacht an die Republik Österreich übergeben, mit der Auflage, eine Gedenkstätte zu errichten. Das „Öffentliche Denkmal Mauthausen“ wurden 1949 eröffnet. 2003 wurde das Besucherzentrum errichtet, in dem sich auch die Seminarräume für Workshops befinden. (Medi Gielow/Julius Günther/Anna Hell)
Ein großes Dankeschön gilt an dieser Stelle dem Dekanat der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, das die Exkursion aus den Mitteln der Lehrförderung großzügigerweise bezuschusst hat. Im Sinne sozialer Teilhabe war dadurch für alle die Anreise mit Reisebus sowie die Teilnahme an Rundgang und Workshop kostenlos.
