Mit Studierenden in der Österreichischen Exilbibliothek

26.05.2026

Zwei Seminare, ein gemeinsamer Blick auf Flucht und Exil: Eindrücke vom Workshop in der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien.

Über 50 Bachelorstudierende aus den Seminaren „Zwischen Fakt und Fiktion: Die Shoah erzählen“ (Anna Hell) und „Verehrt – verfolgt – verschwiegen: Weibliches Schreiben im Nationalsozialismus“ (Marion Wittfeld) nahmen gemeinsam wahlweise am 17. oder 24. April 2026 an einem freiwilligen Workshop in der Österreichischen Exilbibliothek (ÖEB) im Literaturhaus Wien teil.

Veronika Zwerger, Leiterin der Österreichischen Exilbibliothek, gab den Studierenden Einblicke in die Arbeit mit historischen Archivbeständen. Unterstützt wurde sie beim ersten Termin von Sara Rußold.

In Kleingruppen setzten sich die Studierenden anhand von Originalquellen aus den Nachlassbeständen der ÖEB mit Themen wie Arbeit, Sprache, Heimweh, Flucht und kulturellem Leben im Exil auseinander. Ausgehend von Leitfragen analysierten sie zunächst ausgewählte Archivmaterialien und erhielten anschließend zusätzliche Informationen zur historischen Einordnung der Quellen. Den Abschluss bildeten Präsentationen, in denen die Gruppen ihre Erkenntnisse sowie die bearbeiteten Archivalien miteinander teilten und diskutierten.

Die Studierende Ana Sinjari teilt ihre Eindrücke mit uns:

Ich habe am 24. April für das Proseminar „Zwischen Fakt und Fiktion: Die Shoah erzählen“ den Workshop in der Österreichischen Exilbibliothek besucht, in dem wir mit Originaldokumenten aus der NS-Zeit arbeiteten. Im Mittelpunkt standen Exilerfahrungen österreichischer Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus. Wir wurden dabei in sechs Gruppen unterteilt, die sich mit den Themenschwerpunkten Arbeit, Sprache, Heimweh, kulturelles Leben, Flucht sowie Zeitschriften beschäftigten. 

Ich war in der Gruppe zum Thema „Flucht“. Im Zentrum stand bei uns die Frage, wie sich Fluchtwege und persönliche Schicksale durch das Archivmaterial rekonstruieren lassen und inwiefern sich die Darstellungen von Flucht unterscheiden.

Wir haben mit unterschiedlichen Archivalien aus den Beständen der Exilbibliothek gearbeitet, zum Beispiel Telegramme, Fotoalben, Transitdokumente und Tagebuchauszüge. Vor allem beschäftigten wir uns mit den Originaldokumenten von Mimi Grossberg, Kurt Weinberg, Lore Segal und Bruno Schwebel. Sehr beeindruckend war dabei die Arbeit mit den historischen Originalquellen, die einen persönlichen Zugang zu den einzelnen Biografien ermöglichten.

Im Verlauf der Gruppenarbeit wurden die zahlreichen bürokratischen sowie finanziellen Hürden einer Flucht sichtbar: Visa, Transitgenehmigungen, Pässe und Geldmittel entschieden oft über Leben und Tod der Familienangehörigen. Besonders faszinierend an der Auseinandersetzung mit den Originaldokumenten war, wie unterschiedlich Menschen ihre Flucht und ihr Exil darstellten. Quellen, wie z. B. das Tagebuch, vermittelten sehr persönliche Eindrücke von Angst, Hoffnung und Unsicherheit, während andere dokumentarisch wirkten.

Der Workshop ermöglichte mir nicht nur einen vertieften Einblick in die österreichische Exilgeschichte, sondern verdeutlichte auch die Bedeutung von Archiven für die Erinnerungskultur und historische Forschung. Dadurch, dass alle Gruppen am Ende eine Präsentation über ihre Themen und Rechercheergebnisse gehalten haben, konnten wir einen umfassenden Einblick in die unterschiedlichen Aspekte des Exils gewinnen. (Ana Sinjari/Anna Hell/Marion Wittfeld)

Über die Österreichische Exilbibliothek:

Die 1993 gegründete Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus Wien dokumentiert Leben und Werk österreichischer Kulturschaffender im Exil seit 1933/38 und gilt als größte Spezialbibliothek zum künstlerischen Exil in Österreich. Ihre Bestände umfassen eine umfangreiche Bibliothek, Nachlässe und Handschriften, Bild-, Film- und Tonmaterialien sowie biografische Dokumentationen zu Tausenden Exilierten.

Der Workshop bot den Studierenden die Möglichkeit, anhand von Originalquellen der Österreichischen Exilbibliothek Flucht und Exil im Nationalsozialismus zu erforschen. Fotos 1-8: Marion Wittfeld

Aufgeteilt auf zwei Wahltermine am 17. oder 24. April ergänzte der Workshop die beiden Universitätsseminare durch einen praxisorientierten Zugang.

Die Studierenden erschlossen unterschiedliche Quellenbestände und Objekte, darunter Tagebücher, Notizbücher, Zeitungsausschnitte, amtliche Dokumente ...

... aber auch persönliche Gegenstände wie einen Hut.

Die Studierenden beider Seminare arbeiteten in gemischten Gruppen zusammen, was den Austausch untereinander förderte.

Im ersten Schritt stand ausschließlich die Frage im Mittelpunkt, was die Quellen selbst erzählen.

Erst im zweiten Schritt wurden die Quellen historisch kontextualisiert. Der unmittelbare Zugang schärfte den Blick für Details und Aussageweisen der Quellen.

Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wurden gegenseitig vorgestellt.

Die Lehrenden Marion Wittfeld (links) und Anna Hell (rechts) gemeinsam mit Veronika Zwerger, Leiterin der Österreichischen Exilbibliothek. Foto: Marie-Louise Fürnsinn